Bundesjugendkonferenz 2018

Junge Rom*nja und Sinti*zze schaffen sich Raum für Entfaltung und Zusammenhalt

 

Vom 28. September bis 1. Oktober 2018 fand in Berlin-Wannsee die Bundesjugendkonferenz der Rom*nja und Sinti*zze 2018 statt. Die Bundesjugendkonferenz ist das größte bundesweite Zusammenkommen junger Rom*nja und Nicht-Rom*nja in Deutschland. Sie wurde von Amaro Drom e.V. und Amaro Foro e.V. organisiert und mit großer Unterstützung durch Terne Rroma Südniedersachsen e.V., die Roma-Jugend Initiative Northeim sowie Romano Sumnal e.V. aus Sachsen umgesetzt. Die Veranstaltung war auch dieses Jahr ein großer Erfolg. In den zweitägigen Workshops und dem teils öffentlichen Abendprogramm diskutierten die Teilnehmer*innen ihre Ziele und Visionen für eine solidarische Gesellschaft der Vielen und vernetzten sich, um dieser Vision gemeinsam näherzukommen.

 

 

Unser zentrales Anliegen für die Bundesjugendkonferenz 2018 war die Schaffung eines Raumes zur persönlichen Entfaltung und politischen Teilhabe der Jugendlichen. Das ist uns gelungen. Ein solcher Raum ist keine Selbstverständlichkeit. Das verdeutlichen die Geschehnisse seit August 2018 in Sachsen ebenso, wie die sich verschärfenden rechtspopulistischen Debatten und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Die rassistischen Mobilisierungen durch organisierte Neonazis und deren Unterstützer*innen in Politik und Gesellschaft schüren eine Stimmung der Angst. Dies betrifft alle Menschen, die nicht in ihr Menschenbild passen. Besonders werden Schwarze Menschen, People of Color, Juden*Jüdinnen sowie Rom*nja und Sinti*zze in ihrem psychischen und zunehmend auch physischen Wohlergehen bedroht.

Mit unserer Bundesjugendkonferenz setzten wir auch dieses Jahr ein deutliches Zeichen für ein Miteinander, das durch Solidarität, statt gesellschaftliche Spaltung gekennzeichnet ist. Die Bundesjugendkonferenz der Rom*nja und Sinti*zze ist seit ihrer ersten Durchführung ein emanzipatorischer Ort. Sie ist ein Ort des Zusammenhalts und des gemeinsamen Einstehens für eine andere Gesellschaft. Diese Haltung und die damit verbundenen Politiken teilen wir mit all jenen, die sich in der Aussage “Wir sind mehr” wiederfinden. Zusammen sind wir nicht nur mehr Menschen, als jene, welche die Gesellschaft spalten. Wir haben auch vielfältigere Perspektiven und Visionen, wie eine andere, solidarische Gesellschaft aussehen kann. Wir weisen über begrenzende und begrenzte Weltsichten hinaus.

 

Das Motto: „Dikhen palal mire jakha!“

Das Motto der Bundesjugendkonferenz 2018 lautete: „Dikhen palal mire jakha!“, was sinngemäß mit „Schaut durch meine Augen!“ übersetzt werden kann. Dies ist eine Einladung an Andere, die Welt vom Standpunkt junger Rom*nja und Sinti*zze aus zu betrachten und die eigene Perspektive zu erweitern. Die öffentliche Podiumsdiskussion am Sonntagabend gab Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung zum Beispiel die Gelegenheit, sich für Vorurteile und Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze zu sensibilisieren.

Wörtlich übersetzt bedeutet das romanessprachige Motto „Schaut hinter meine Augen!“ und zielt auf die individuellen Erfahrungen und Geschichten ab, welche junge Rom*nja und Sinti*zze machen. Die Wahrnehmung und Reduzierung von Rom*nja und Sinti*zze als Teil einer homogenen Gruppe aufzubrechen und zu differenzieren, ist eines unserer Anliegen. Denn nur so werden auch stereotype Wahrnehmungen und Vorurteile abgebaut. Die wörtliche Übersetzung „Schaut hinter meine Augen!“ lädt stärker ein, die sprechende Person als Individuum zu sehen. Als Person, deren Identität vielschichtig ist und sich nicht alleine aus dem Selbstverständnis als Romni oder Sinto ergibt oder dadurch allein bestimmbar wird. Dementsprechend war die Bundesjugendkonferenz 2018 für die Jugendlichen Ort und Anlass, die eigene Geschichte mit anderen zu teilen und die Vielfalt der Community der Rom*nja und Sinti*zze zu feiern.

 

Das Workshop- und Abendprogramm

 

„Auf der Bundesjugendkonferenz 2018 gab es eine nette Atmosphäre, coole Menschen und schöne, kreative Projekte. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt. Ich wünsche mir, dass die nächste Bundesjugendkonferenz eine ganze Woche dauert.“

 

Zu einem Ort des Empowerments für junge Rom*nja und Sinti*zze wurde die Bundesjugendkonferenz durch gemeinsames Lernen, kreative Prozesse, die Schaffung selbstbestimmter Selbstdarstellungen und nicht zuletzt jede Menge Spaß. Dafür sorgte ein vielseitiges Workshop- und Abendprogramm. In den zweitägigen Workshops beschäftigten sich die Teilnehmer*innen mit Themen wie politischer Selbstorganisation, Umgang mit Medien und Romnja-Empowerment. Im Rahmen der künstlerischen Workshops wurden zudem fotografische Selbstrepräsentationen sowie ein eigener Song und eine Tanzperformance erarbeitet.

 

Medien-Workshop „Breaking the (stereotypical) Image“

Im Medien-Workshop „Breaking the (stereotypical) Image“ ging es schwerpunktmäßig um die Selbstrepräsentation in sozialen Netzwerken und die Dokumentation der Bundesjugendkonferenz. Über zwei Workshop-Tage wurde von den Teamer*innen Marie Presecan und Abhishek Nilamber ein weiter Bogen gespannt. Ein Teilnehmer resümierte abschließend: „Es war sehr viel Stoff, aber ich habe auch sehr viel gelernt.“ Zunächst gab es eine Einführung das Konzept der Intersektionalität. Dieses beschreibt das Zusammenwirken unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse. Davon ausgehend tauschten sich die Jugendlichen darüber aus, welche Formen von Rassismus und weiteren Diskriminierungsformen sie selbst erfahren haben – sowohl auf Social Media, als auch im Leben fernab des Internets. Anschließend erhielten sie Inputs zu Dynamiken, Möglichkeiten und Risiken von Social Media: Welche Möglichkeiten es gibt Diskriminierung und Hate Speech im Netz zu begegnen, zum Beispiel durch Memes oder politische Fotografie – aber auch welche Risiken auf eine*n zukommen, wenn man eigene Posts durch Hashtags verbindet. Am Samstagabend besuchten die Jugendlichen gemeinsam die Ausstellung "So ist das bei uns" von Nino Nihad Pušija. Vor dem Ausstellungsbesuch bekamen sie eine Einführung in politische Fotografie und Bildanalyse. Sie lernten wie Fotografien gelesen und reflektiert werden können. Mit diesem Wissen konnten die Jugendlichen unter Leitung von Nino Nihad Pušija selbst dessen Fotografien in einem anderen Kontext betrachten. Am Sonntag ging es für die Teilnehmer*innen darum, selbst die Kamera in die Hand zu nehmen und die Konferenz, die einzelnen Workshops sowie die öffentliche Podiumsdiskussion aus ihrer Perspektive zu dokumentieren.

 

 

Workshop "Deine Meinung zählt": Politische (Jugend)Partizipation

Im Workshop "Deine Meinung zählt": Politische (Jugend)Partizipation befassten sich die Teilnehmenden mit politischen Themen und der Frage danach, welche politischen Strategien zur Einbeziehung von Rom*nja es gibt und wie sinnvoll sie sind. Außerdem ging es um die Frage, welche Strategien noch fehlen oder was verbessert werden kann. Die Teilnehmenden tauschten sich über ihre eigenen politischen Meinungen und Vorstellungen aus. Sie lernten außerdem, welcher Arbeitsfelder in den Bereich Politik gehören und wie Regierung und Parlament in Deutschland organisiert sind. Gemeinsam mit den Teamer*innen Violeta Balog und Georgi Ivanov von Amaro Foro e.V. bereiteten sie die öffentliche Podiumsdiskussion am Sonntagabend vor. An der Diskussion nahmen die Jugendlichen selbst als Expert*innen teil und diskutierten ihre Fragen mit der Politikerin Susanna Kahlefeld (Bündnis 90/Die GRÜNEN).

 

 

Workshop Romnja und Sintizze während des Porajmos

Der Workshop Romnja und Sintizze während des Porajmos fand im Rahmen des Mädchen*/Frauen*-Empowerment-Projekts "Opre Romnja!" statt. Er wurde von Éva Ádám, der pädagogischen Leiterin von „Dikhen amen!“ und der Überlebenden und Aktivistin Rita Prigmore geleitet. In diesem Workshop gingen die Teilnehmerinnen der Frage nach, wie es zum Porajmos kam und wie Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze entstanden ist. Zu Beginn des Workshops erarbeiten die Teilnehmerinnen eine historische Zeitleiste. Diese umfasste den Zeitraum von der (ersten urkundlich belegten) Ankunft von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland um 1300 bis zur Anerkennung des Völkermords an den europäischen Rom*nja und Sinti*zze durch das Europäische Parlament im Jahr 2015. Ebenfalls enthalten waren wichtige Daten und Ereignisse zur Entstehung des Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze und zur nationalsozialistischen Verfolgung und des Genozids. Davon ausgehend beschäftigten sich die Teilnehmerinnen mit den Biografien von Romnja und Sintizze, die Zwangsarbeit und nationalsozialistische Verfolgung überlebt haben. Gemeinsam schauten sie Videos über die Geschichten von Ceija Stojka, Anna Mettbach, Philomena Franz, Maria Stancu Castea und Amelie Schaich Reinhardt. Sie lasen außerdem in den Büchern der Bürgerrechtsaktivistin Ilona Lagrene. Jede Teilnehmerin wählte eine Person aus und recherchierte selbstständig ihre Lebensgeschichte. Für die Abschlusspräsentation in Form einer Ausstellung bereiteten die Teilnehmerinnen je ein Plakat mit den Lebensdaten, Bildern und Zitaten der Romnja und Sintizze vor.

 

 

„Mein Highlight war, dass ich die Chance hatte Rita Prigmore kennenzulernen.“

 

Theatertanz-Workshop „Gleich.Equal.jekh chip“

Joschla Weiß und Athina Wirges leiteten den Theatertanz-Workshop „Gleich.Equal.jekh chip“. Schwerpunkt des Workshops war es, auf künstlerischem Wege gesellschaftlichen Tendenzen der Spaltung eine Politik der Solidarität entgegenzusetzen: „Die UN-Menschenrechte erzählen von der Gleichheit der Menschen. Artikel 1 des Grundgesetzes spricht davon, dass alle Menschen gleich sind. In einer Welt, in der Politiker*innen von „Flüchtlingskrise“ sprechen, die Krise, die sie selbst gemacht haben, neigt Deutschland sich dem Ende zu. Alle Kulturen in Deutschland bekämpfen sich, die Welt fällt ins Chaos. Jede*r kämpft um seinen Platz in der Gesellschaft, es gibt Gerangel, Machtkämpfe, Ausgrenzungen. Aber am Ende wollen alle nur ankommen …und Aufsteigen. Doch was passiert, wenn wir die Wahl haben? Kämpfen wir gegeneinander oder solidarisieren wir uns, gegen die derzeitige Politik, die „Teile und Herrsche“ als Machtinstrument nutzt? Oder kreieren wir uns unseren eigenen Planeten, der aus dem Chaos der Veränderung einen Stern erschaffen kann?“ So lautete es im Ankündigungstext des Workshops. Die jugendlichen Teilnehmer*innen des Workshops lernten in zwei Tagen, sich tänzerisch (Modern Dance) und schauspielerisch mit diesen Fragen zu beschäftigen und erarbeiteten eine Performance mit revolutionären Charakter.

 

 

„Wir hatten viel Spaß. Es war nicht langweilig wie bei anderen Seminaren. Nächstes Jahr komme ich wieder.“

 

Das Abendprogramm

Am Freitagabend zeigte die Musikerin und Regisseurin Tayo Awosusi-Onutor ihren Film „Phral mende – Wir über uns“ (D 2017, 45 Min.). In der Filmbeschreibung heißt es: „Phral mende ist kein Film über Sinti* und Roma*, sondern ein vielstimmiges Selbstporträt. In biografischen Interviews sprechen Persönlichkeiten wie Anita Awosusi, Fatima Hartmann oder Ilona Lagrene mit Regisseurin Tayo Awosusi-Onutor über bürgerrechtliches Engagement, Erinnerungskultur und Alltagsrassismus. Aus ihren Perspektiven und individuellen Erfahrungen entsteht ein lebendiges Bild von Sinti* und Roma* in Deutschland, das sich stereotypen Sichtweisen widersetzt.“ Im Anschluss an die Vorführung stellten die Teilnehmer*innen ihre Fragen an die Filmemacherin und teilten ihre Eindrücke des Films. Den weiteren Abend verbrachten die Jugendlichen damit sich neu oder besser kennenzulernen und sich auf die kommenden Tage einzustimmen.

 

 

 

Am Samstagabend besuchten die Teilnehmer*innen des Medien-Workshops die Ausstellung "So ist das bei uns" des Fotografen Nino Nihad Pušija. Die Teilnehmer*innen der anderen Workshops fuhren gemeinsam zum Alexanderplatz, um sich die Stadt anzuschauen. Im Anschluss trafen sich alle Jugendlichen und Teamer*innen in einer Bar am Fernsehturm und ließen den Abend gemeinsam ausklingen.

Am Sonntagabend fand eine öffentliche Podiumsdiskussion zwischen jugendlichen Teilnehmer*innen und Vertreterinnen der Politik statt. Drei Teilnehmende des Workshops "Deine Meinung zählt": Politische (Jugend)Partizipation diskutierten als Experten mit Susanna Kahlefeld (Bündnis 90/Die GRÜNEN, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses). Die Fragen der Jugendlichen zielten u.a. auf geplante Maßnahmen gegen rassistische Diskriminierung von Rom*nja und Sinti*zze und ein Wahlrecht für in Deutschland lebende Rom*nja ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Deutlich zeigte sich einmal mehr wie viele Hürden es für eine politische Beteiligung junger Rom*nja und Sinti*zze gibt, unabhängig davon wie engagiert sie sind. Dies gilt vor allem mit Blick auf die Bleiberechtskämpfe, die auch dieses Jahr einige Teilnehmer*innen betrafen. Eine wichtige Forderung der Jugendlichen lautet darum, ein Bleiberecht für Rom*nja, die in Deutschland geboren sind oder deren Lebensmittelpunkt Deutschland nach einer Migration geworden ist, einzuführen. Susanna Kahlefeld beantwortete die Fragen der Jugendlichen, erklärte die darauf bezogenen Positionen ihrer Partei sowie die politischen Mehrheitsverhältnisse, an denen deren Umsetzung meist scheitert. Sie berichtete außerdem von konkreten Maßnahmen, die in Berlin bereits umgesetzt werden oder geplant sind. Zum geplanten Staatsvertrag zwischen dem Land Berlin und der Minderheit forderten die Jugendlichen die Einbeziehung von Rom*nja ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Ein Teilnehmer aus dem Publikum kritisierte die Rückständigkeit Deutschlands, da die Vergabe der Staatsbürgerschaft nach wie vor per Blutsrecht und nicht (bzw. nur sehr eingeschränkt) qua Geburt erfolgt. Details zur Rechtslage können hier nachgelesen werden.

 

 

Nach der Diskussion veranstalteten die Teilnehmer*innen eine Open Stage. Alle Jugendlichen hatten die Gelegenheit ihre Talente auf der Bühne zu präsentieren. Den Einstieg machte das Moderationsduo Angela Selimovic und Silas Kropf mit einer Comedy-Einlage und Improvisationstheater. Auch anschließend sorgten die beiden für viele Lacher und führten mit Witz und Charme durch das Programm. Die Rap-Crew Young World Breaker aus Niedersachsen präsentierte ihr neues Rap-Video und erntete wie alle Teilnehmenden großen Applaus. Zwei Jugendliche präsentierten ihre Hip-Hop Dance Skills in einer beeindruckenden Tanzperformance. Anschließend performten Jugendliche aus Köln, Leipzig und Münster ihre selbst geschriebenen Rap-Songs auf Deutsch, Serbisch und Romanes und lieferten sich einen Battle-Rap in drei Durchgängen. Begleitet wurden sie von der Beat Box eines Teilnehmers. Am Ende des Abends fühlten sich alle wie Gewinner*innen. Zu den Lieblingssongs der Teilnehmenden wurde noch lange weiter getanzt und gefeiert.

 

 

„Bei der Bundesjugendkonferenz 2018 haben mir der Ausflug in die Stadt und ganz besonders die Open Stage am Sonntagabend gefallen. Da konnten sich alle richtig zeigen und wohlfühlen und die Stimmung war toll!“

 

 

Abschlusspräsentation der Workshops

Am Montagmorgen wurde es noch einmal aufregend und bewegend. Alle Teilnehmenden präsentierten was sie in den zweitägigen Workshops erarbeitet hatten. Zu Beginn der Abschlusspräsentationen der Workshops erzählte die Überlebende und Aktivistin Rita Prigmore aus ihrem Leben. Alle Anwesenden waren tief bewegt und bedankten sich von Herzen. Die Teilnehmenden betrachteten es als ein großes Geschenk, Rita Prigmore kennenlernen zu dürfen. Sie selbst beendete ihre Geschichte mit den Worten: „Schaut euch die Menschen an, ohne Vorurteile! Seht ihnen in die Augen und erkennt in jedem einzelnen, dass er ein Mensch ist. Nur das Herz zählt, nur das Herz eines Menschen ist wichtig.“

Im Anschluss präsentierten die Teilnehmerinnen des „Opre Romnja!“-Workshops ihre Ausstellung über die Lebensgeschichten von Romnja und Sintizze während des Porajmos. Jede Teilnehmerin stellte die Lebensgeschichte einer Romni oder Sintizza vor und erzählte wie es den Mädchen und Frauen gelungen war die nationalsozialistische Verfolgung zu überleben. Sie berichteten auch wie die Überlebenden ihr Leben nach Ende des Zweiten Weltkriegs gestalteten und mit welchen andauernden Diskriminierungen sie zu kämpfen hatten. Rita Prigmore erzählte die Lebensgeschichte der Cousine ihrer Mutter, mit der sie aufwuchs. Eine weitere Teilnehmerin teilte ihre persönlichen Erinnerungen an eine Überlebende, die sie als Kind kennenlernte. Die Geschichte der Verfolgung und des Genozids ist auch für die junge Generation von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland ein gegenwärtiger Teil der Familiengeschichte. Anhand der Namen und Gesichter der vorgestellten Personen wurde dies für die Anwesenden einmal mehr verdeutlicht.

Die Teilnehmenden des Politik-Workshops stellten vor, welches Wissen sie in den Workshop-Tagen gesammelt hatten. Sie beschäftigten sie sich mit dem Parteiensystem, der Organisation von Wahlrecht und Regierung in Deutschland sowie mit den Aufgaben und Arbeitsfeldern von Politik insgesamt. Als eine Ursache für rassistische Politiken und den weit verbreiteten Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland benannten sie die fehlende politische Vertretung von Rom*nja und Sinti*zze in Parteien und Parlament.

 

 

Die revolutionäre Tanzperformance des Workshops „Gleich.Equal.jekh chip“ begann mit einem Herzschlag. Die Jugendlichen verkörperten zunächst die Politik des „Teile und herrsche!“, die versucht uns als Einzelkämpfer*innen gegeneinander aufzubringen und gesellschaftlich zu spalten. Musikalisch begleitet zeichneten die Jugendlichen nach, wie wir uns der Spaltung entziehen können, um ihr Solidarität und Zusammenhalt entgegenzusetzen. Gegen Polizeigewalt, gegen die Aberkennung von Menschenrechten und Rassismus. Tänzerisch schafften die Jugendlichen ein bewegtes und bewegendes Bild von Individuen, die erst im Gleichklang etwas Neues schaffen. Viele Einzelne, die zusammenwirken, um etwas Größeres und Schöneres zu schaffen, an dem alle teilhaben können.

Die Präsentation des Workshops „Breaking the (stereotypical) Image“ bildete den Abschluss. Es wurde eine Auswahl der Fotos gezeigt, die im Rahmen der Dokumentation durch die Teilnehmenden des Medien-Workshops entstanden war. Dem Motto der diesjährigen Veranstaltung entsprechend blickten die Zuschauer*innen gewissermaßen durch die Augen der Fotograf*innen auf die vergangenen Tage. Bei dieser Gelegenheit konnten alle Anwesenden das Wochenende und seine Highlights in Form von wunderschönen Momentaufnahmen Revue passieren lassen. Bestimmt werden viele der Bilder den Teilnehmenden selbst als Höhepunkte der Bundesjugendkonferenz 2018 noch lange in Erinnerung bleiben.

 

 

Nach dem Mittagessen hieß es Abschied nehmen. Einige Jugendliche werden sich schon bald bei der Teamer*innen-Ausbildung unseres Projektes „Dikhen amen!“ wiedersehen, andere begegnen sich bei lokalen Projektveranstaltungen oder der nächsten Mitgliederversammlung von Amaro Drom e.V. Die nächste Gelegenheit alle Teilnehmer*innen wiederzusehen, gibt es jedoch erst bei der Bundesjugendkonferenz 2019. Die Jugendlichen fuhren mit neuen Erfahrungen, schönen Erinnerungen und der Vorfreude auf dieses Wiedersehen nach Hause.

 

„Bitte bereitet jeden Monat eine Bundesjugendkonferenz vor! Vielen Dank für alles!“

 

Aus Sicht der Teamer*innen und Organisator*innen der Veranstaltung bleibt zudem das Gefühl der Dankbarkeit und Wertschätzung für das große Engagement der Jugendlichen. Viele von ihnen befinden sich aufgrund von drohender Abschiebung und dem andauernden Kampf um ihr Recht auf einen Aufenthalt in einer überaus schwierigen Situation. Dennoch bringen sie die Kraft auf, sich für Politik zu interessieren und sich bei Amaro Drom e.V. und ihren lokalen Initiativen zu engagieren. Wir werden die Jugendlichen mit großer Freude weiter dabei unterstützen, ihre Motivation und Stärke zu behalten.

 

„Mir hat es hier sehr gut gefallen und richtig Spaß gemacht. Ich würde gerne immer wieder dabei sein. Obwohl ich eine andere Nationalität habe, fühle ich mich mit euch wie eine Familie. Ich freu mich aufs nächste Mal.“

 

Pressearbeit auf der Bundesjugendkonferenz

Wie das Motto „Dikhen palal mire jakha! – Schaut durch meine Augen!" nahelegt, war die Bundesjugendkonferenz auch dieses Jahr als ein Ort der Sichtbarkeit und des Austausches konzipiert. Für Pressevertreter*innen und Interessierte gab es die Gelegenheit Interviews mit Vereinsmitgliedern und jugendlichen Teilnehmenden zu führen. Dafür waren Pressezeitfenster vorgesehen, es wurde ein Presseteam gebildet und eine öffentliche Abendveranstaltung organisiert. Die zahlreich eingeladenen Medien blieben der Veranstaltung jedoch bis auf eine Ausnahme fern. Eine Journalistin von Radio Bremen führte im Vorfeld der Bundesjugendkonferenz ein Interview mit dem Bremer Musiker und Aktivisten Femi Abazi. Nachzuhören ist das Interview hier.

Schon in den vergangenen Jahren tat sich die Presse schwer damit, der größten bundesweiten Veranstaltung junger Rom*nja und Sinti*zze einen Nachrichtenwert abzugewinnen. Anscheinend sind Rom*nja und Sinti*zze für die Medien in Deutschland nur dann interessant, wenn sie als passive Opfer präsentiert oder als kriminell dargestellt werden können. Wollen sie jedoch selbst zu Wort kommen, um ihre Geschichten und politischen Ziele in die Öffentlichkeit zu tragen, passen sie nicht mehr in die Schablonen, die ihnen die Medien offenbar zuweisen – und werden ignoriert. Markus Ends Studie „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“ für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma aus dem Jahr 2014 belegt diese medialen Mechanismen. Der hier geschilderte Umstand ist leider ein Rückschlag für die sonst sehr erfolgreiche Bundesjugendkonferenz.

Anlässlich der Fachtagung „Antiziganismus in den Medien“ von Amaro Foro e. V. am 24. Oktober 2018 nahmen Amaro Drom und der Berliner Landesverband ausführlich Stellung zum Wegbleiben der Presse bei der Bundesjugendkonferenz 2018. Die Stellungnahme kann hier nachgelesen werden.

 

Links & Downloads rund um die Bundesjugendkonferenz 2018