Rezension "So Kheren Amenca?! Für immer Urlaub!"

von Hajdi Barz

„Why are you coming here?“ ist nicht nur die erste Frage im Stück, sie ist auch ein Damoklesschwert in Geflüchtetenbiografien. Zu Beginn dieses Theaterabends hören wir diese Frage immer wieder von der Grenzpolizei, welche, verkörpert von Roxie Thiele-Dogan, wie eine Wand roboterähnlich immer wieder dieselbe Frage stellt. Ihr gegenüber steht eine verzweifelte Person gespielt von Simonida Selimović, die offenbar versucht einzureisen. Sie antwortet immer wieder, dass sie doch nur zu ihrer Familie wolle. Nachdem sie es in verschiedenen Sprachen versucht hat und weder eine ruhige Antwort, noch eine schreiende, noch Theater oder Tanz das herzlose Grenzregime erreichen, ist die Verzweiflung vorbestimmt. So scheint es als ob es keine Antwort gäbe, die Gehör findet und dass die starr blickende, einfallslose, mächtige Grenzpolizei in den Abgelehnten nicht nur Wut und Frust produziert. Auch Kreativität, Selbstliebe und Stärke wird demonstriert. Diesem symbolisch starken Auftakt bleibt das Stück treu, in welchem das Spannungsfeld zwischen einem kalten, herzlosen Asylsystem und den vielfältigen Überlebensstrategien geflüchteter Rom*nja und ihrem Umfeld komplex thematisiert wird.

Das Stück, inspiriert von der wahren Geschichte der Brüder Gzim und Ramis Berisha, erzählt die Geschichte der jugendlichen Emmy (gespielt von Estera Stan) und ihrem Bruder Miloś (gespielt von Adrian Ernst). Es erzählt von Kindern, die ohne Eltern abgeschoben werden, Müttern, die zuhause an der Bürokratie wahnsinnig werden, Solidarität trotz Armut und der Absurdität, in ein unbekanntes Land abgeschoben zu werden. Das Stück besticht, weil es sowohl jugendlichen Alltag mit ersten Verliebtheiten, wichtigen Tanzchoreografien als auch das Schicksal der Abgeschobenen verwebt. In dem Stück gelingt es, eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Abschiebungen aus der raren Perspektive der Abgeschobenen zu gestalten. Nicht nur Originalvideos, welche für das Stück in Priština entstanden, auch persönliche Erfahrungen flossen in diese Auseinandersetzung und so gelingt es ein Stück zu schreiben, welches einen klaren Blick aus aktivistischer, romani Perspektive auf das Asylsystem in Deutschland wirft. Der Titel So Kheren Amenca?! – auf Deutsch Was macht ihr mit uns?! kombiniert mit dem Untertitel Für immer Urlaub! beschreibt wunderbar die Diskrepanzerfahrungen zwischen Entmündigung und Gewalt einerseits, welche auf Romanes gesagt unsichtbar bleibt für ein deutschsprachiges Publikum und dem naiven Blick auf Abschiebungen als einen Urlaub. Wie die Dramaturgin Hanna AlTaher es formuliert, ist der Untertitel zynisch. Gzim und Ramis Berisha wurden abgeschoben in ein Land, in dem sie vorher noch nie waren, ebenso wie unsere Protagonist*innen in So Kheren Amenca?! Die Themen Verrücktheit, Verzweiflung, das Leben mit der Duldung, das Gefühl fremd zu sein, sollen das Publikum aufrütteln. Das Stück ist eine der wenigen Repräsentationen von romani Erfahrungen, aber auch des Themas Abschiebung an deutschen Theatern.

Obwohl das Bühnenbild mit einem Holzquader einfach gehalten ist, verwandelt sich die Bühne mit einem Beamer und ein wenig Rauch in Sekunden zu einem überfüllten Auto auf einer jugoslawischen Autobahn zu einem überfüllten serbischen Warteraum oder dem Bett, in dem die Angst vor der Abschiebung lauert.

Auch bei den Kostümen bleibt es einfach. Ohne ihre Schauspieler*innen sähen diese nur aus, wie Klischees. Es ist aber dank der schauspielerischen Leistung eine Freude sich ebendiese Bilder anzusehen. Die junge Alexandra Cobzaru zeigt in ihrem Schauspieldebut eine Rollenvielfalt von der viele eingesessene Schauspielerinnen nur träumen können. In Minuten schlüpft sie von der Rolle der alten Oma in einen tanzenden Jugendlichen in einer wunderbaren Weise. Es war im Hinblick auf die schauspielerische Leistung ein Theaterdebüt der Extraklasse, welches im Dezember im Gorki Studio uraufgeführt wurde. Obwohl die sehr unterschiedlichen Amateurschauspieler*innen im Ensemble meist vorher keinerlei Tanzerfahrungen hatten, lernten sie in nur zwei Tagen grundlegende Tanzschritte mit dem Künstler Safet Mistele und belebten damit die Geschichte. Die zumeist jugendlichen Schauspieler*innen schaffen es unter der künstlerischen Leitung von Joschla Weiß und Sandra Selimović eine bunte, aufrüttelnde Collage vom Umgang mit Abschiebung zu erzählen.

Die 12-jährige Estera Stan kann ein ganzes Theater zum Lachen bringen, wenn sie als Emmy ein Stück Neukölln auf die Bühne bringt. Aber auch wenn Estera Iordan in ihrer Rolle ist und alle Tanzversuche unterbricht, weil es „megapeinlich“ ist, erinnert sich so manche Theaterbesucherin an die eigenen Herausforderungen in der Jugend. Das Stück schafft es, komisch zu sein, Empathie herzustellen und gleichzeitig die Gewalt der Unsicherheit darzustellen.

Joschla Weiß als Mutter der Abgeschobenen macht in einem sprunghaften Monolog die Bedeutung der Post von der Ausländerbehörde in all ihrer Unverständlichkeit und bürokratischen Kälte für die Zuschauer*innen erfahrbar. Das Zermalmende Gefühl der Angst vor der Abschiebung wird deutlich, wenn die Mutter in einer schlaflosen Nacht durch ihr Zimmer jagt und immer schneller die Post liest, welche ihr letztendlich befiehlt aus dem Fenster zu springen. In nur wenigen Minuten erzählt diese Szene den psychischen Terror, den Menschen ausgesetzt sind, wenn sie nicht wissen welche Zukunft sie und ihre Liebsten haben, sie erzählt davon, wie es Menschen krankmacht und wie zermürbend die Bürokratie sein kann. Die andere Mutter verkörpert eine Rolle, die von Resilienz erzählt. Sie analysiert, dass das Ziel ebendieser Prozesse einer von Machterhalt ist und dass Stolz und Widerständigkeit darin gefragt sind. So kann man sie sagen hören: „Die wollen uns klein machen, aber so schnell gebe ich nicht auf“. Ein paar Szenen später werden die Jugendlichen zu Aktivist*innen, wenn sie aus Freundschaft und Menschlichkeit Gesetze brechen, um Abschiebungen unmöglich zu machen. Das Stück feiert die Vielfalt des Widerstandes und der Solidarität.

Das Stück ist mehrsprachig und modern; es bedient sich dem James Bond Theme, der Sommerhit „Despacito“ wird in drei Sprachen gesungen und choreographiert, die Raps der Schwestern Selimović werden performt und die Brassmusik von Fanfare Ciocarlia umrahmt die Geschichte. Romani Vielfalt und Schönheit ersetzt hier ganz selbstverständlich die homogenisierenden, rassistischen Bilder, welchen auch die Schauspier*innen ausgesetzt sind. Die Atmosphäre im Theater war herzlich, die Mischung aus Aktivist*innen, Müttern und bürgerlichen Theaterbesuchern des Gorkis schufen einen herzlichen, nachdenklichen und warmen Rahmen für das Theaterstück.

Das Stück verharrt nicht in der Ohnmacht. Es zeigt all die Wege, mit denen Menschen dem Asylsystem entgegnen. Vom Einbruch in die Ausländerbehörde, bis zur Antragsstellung in einer korrupten serbischen Behörde wird ein kreatives, widerständiges Bild von geflüchteten Rom*nja, solidarischen Mädchen* of Color und einem Aktivismus, der aus Notwendigkeit entsteht, gezeichnet.  So hoffen wir mit den Worten der Spielleitung Joschla Weiß, dass dieses Stück auf so vielen Bühnen wie möglich gespielt wird und dass dieses Ensemble weiterarbeiten kann und die eigene Geschichtsschreibung weiterhin so humorvoll, berührend, rau, ehrlich, kreativ, dokumentarisch und tänzerisch voranbringt.

Alles in allem kann gesagt werden, dass das Stück es schafft, das schwere Thema der Abschiebung ohne Mitleid und Pathos zu erzählen. Mit seinem jugendlichen Charme, der geballten Frauenpower* und den witzigen Choreographien auf der Bühne ist das Stück energievoll und schafft es sogar zu empowern, weil es pointiert und positioniert eine kritische Haltung gegenüber dem herrschenden Asylsystem bezieht. Als Ramis Berisha im Interview sagt „man kann halt auch nicht immer trauern“ fasst es zusammen, warum wir eine Komödie zu dem Thema gebraucht haben, als Community aber auch als Aktivist*innen. So bleibt es wichtig, auch in schwierigen Situationen Lebensfreude zu erhalten.


Foto © Nihad Nino Pušija

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