Diskriminierungsbericht des Roma Büro Freiburg für das Jahr 2019

Das Roma Büro Freiburg hat einen Diskriminierungsbericht für das Jahr 2019 veröffentlicht

 

Die Fragestellung dieser Arbeit ist: Wie und wo erfahren/erleben Sinti und Roma heute in Freiburg und Umland Diskriminierung und Rassismus? Das Thema ist wichtig, weil beides das gesellschaftliche Klima vergiftet, die Minderheit ausgrenzt und tendenziell in Armut drückt sowie ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben - insbesondere die persönliche und Potenzialentwicklung ihrer Kinder und Jugendlichen - erschwert. In Freiburg und Umgebung leben seit Generationen die Sinti heute mit ihrem „Platz“- Quartier im Stadtteil Weingarten - und Roma zumeist Kriegsfluchtlinge der 90iger und 00er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Die Sinti sind deutsche Staatsburger und zumeist evangelikale Christen, die Roma zumeist Moslems weniger Orthodoxe Christen und meist in unsicherem Status darunter viele bis heute abschiebungs gefährdet. Die Roma/Sinti-Community zählt insgesamt rd. 3000 Menschen in Freiburg + Regio – davon mehr als die Hälfte unter 20 Jahre. Viele halten ihre Herkunft bedeckt, weil sie die Stigmatisierung als „Zigeuner“ fürchten. Studien zu Roma-Diskriminierung bzw. Antziganismus basieren bis heute auf Meinungsumfragen sowie Theoriemodellen, einige wenige andere Studien auf Fallsammlungen durch (zumeist weisse) BegleiterInnen. Diese Studie hier basiert auf erlebten Vorfällen der Betroffenen, die sie auch selber in Worte fassen. Nur Betroffene spüren an Leib und Seele wie Diskriminierung wirkt. Dies ist deutschlandweit die einzige Studie, die von der existentiellen Innensicht der Roma ausgeht. Warum wählen wir diesen Ansatz? Weil unser Ziel nicht ist (moralischen) Druck auszuüben, um vielleicht mehr Geld für weitere Antiziganismus Plattformen oder Studiengänge zu erlangen, sondern wir die subjektiven Kräfte der Betroffenen stärken wollen um dem gesellschaftlichen Diskriminierungsdruck mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen besser bewältigen zu können. Bewußt wählen wir diesen Ansatz - im Gegensatz zur gängigen Rassismus- und Antiziganismusforschung - das Subjekt des Diskriminierten als Betroffene und Handelnd-Widerständige ins Zentrum zu stellen. Ein Netz von Sinti - und Roma AktivistInnen aus der hiesigen Community hat das Jahr 2019 über wie schon im Vorjahr Diskriminierungs-Fälle aufgenommen. Darüberhinaus wurden themenbezogene Interviews mit zwei Roma-BeraterInnen und 15 Roma-Jugendlichen geführt. Innerhalb der Roma und Sinti Community wurde durch dieses Tun Diskriminierung zum Thema und motivierte darüber nachzudenken und auszuprobieren wie besser, geschickter und eleganter mit Diskriminierung und Rassismus umgehen.

Aus einigen Fällen wurden experimentelle Aktionen, über andere wurde lange diskutiert. Daraus wurde dieser Bericht für 2019 – mit 198 Fällen. Die Fallsammlung ordnet sich entlang von acht Lebensbereichen, gewichtet und vergleicht sie mit den Ergebnissen von 2018 und sucht nach Mustern der Diskriminierung wie auch nach Strategien dagegen. Die erste Studie war der Roma/Sinti-Diskriminierungsbericht 2018 (hier: http://amarodrom.de/sites/default/files/files/2019_Romabu%CC%88ro%20Freiburg_Diskriminierungsbericht%202018_web.pdf) basierend auf 106 Fällen. Er wurde bundesweit insbesondere von der bis heute weiß-dominierten „Antiziganismus-Industrie“ ignoriert und ebenso stadtöffentlich nicht wahrgenommen; bei PolitikerInnen und AktivistInnen nachgefragt, antworteten die Meisten: ja mal reingeschaut, durchgeblättert aber nicht durchgelesen. Andererseits führte er zu einer Reihe von reflexhaften Abwehrreaktionen, die sich an vermeintlichen und/oder wirklichen Fehlern festmachten bis hin den Bericht zu skandalisieren und ihm seine Berechtigung abzusprechen. Dabei hieß es unter anderem: der Bericht sei nicht neutral und objektiv, weil er von Betroffenen sei. Diese Debatte gab es schon in den 80igern zwischen Friedländer und Broszat. Und sie ging eindeutig aus. Es geht um gesellschaftliche Deutungsmacht – ein wahres Kampffeld.

Wir hatten die Fallbeschreibungen anonymisiert in Zeit/Raum und Person. Zwei Personen waren für LeserInnen, denen das entsprechende Milieu vertraut ist, erkennbar. Dies war ein Fehler und wir entschuldigen uns. Von einer Reihe von Lesern bekamen wir andererseits Zuspruch, Mitgefühl und Anerkennung für die Entbergung dieser Dichte an Alltagsrassismus aus der Sicht der Betroffenen. Sie überwiesen uns 295 Euro an Spenden in vielen kleinen Beträgen. Danke!

In diesem Bericht werden die Fälle von der Diskussion der Fälle strikt getrennt, was einer besseren Lesbarkeit und Meinungsbildung dienen soll. Wir haben mehr anonymisiert als es uns recht ist, was einigen Fällen die Schärfe nimmt. Die 15 Interviews mit den Jugendlichen machte Irena Kecic, den Bericht zusammengefasst und geschrieben hat Tomas Wald. Vor der Endfassung wurde er von zehn Personen aus Freiburg und Region außer einem Heidelberger (fünf Sinti und Roma, drei Professoren und zwei im Sinti/Roma Kontext arbeitenden Akademikern) gegengelesen und gespiegelt. Danke, dies hat die Kontur um noch eine Drehung geschärft. Abschließend noch zu den im Gesamttext verwendeten Begrifflichkeiten: Roma beinhaltet alle Volksgruppen der Roma und Sinti; „Zigeuner“ als Begriff wird in den subjektiven Fallbeschreibungen beibehalten; in den Rahmentexten benutzt als Chiffre und Fremdzuschreibungs-Konstruktion. „Gadje“ heißt traditionell auf Romanes alle Nicht-Roma (außer Juden); wie bei den Juden traditionell „Goi“ auf jiddisch alle Nicht-Juden (außer Roma). „Weisse“ ist ein Begriff aus den migrantischen Schichten für alle Nicht-Farbigen mit der Hautfarbe „weiß.“ So verwenden wir ihn und nicht als Identitätsbegriff. Auch an den Universitäten ist dieser Begriff mit dem Fach „kritische Weißheitsforschung“ (nicht das Gleiche wie „Weisheitsforschung“) in Deutschland mittlerweile ja angekommen.

 

Link zum Download des Diskriminierungsberichts als PDF

 

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