Das war die Bundesjugendkonferenz 2016

Bundesjugendkonferenz “Fremd im eigenen Land? – Bipindzarutno Ki Ti Phuv?“

 

Vom 30.9. bis 3.10.2016 kamen unter dem Motto „Fremd im eigenen Land?“ 100 jugendliche Rom*nja und Sinti*zze aus dem ganzen Bundesgebiet zur diesjährigen Bundesjugendkonferenz von Amaro Drom und Terno Drom in Nideggen-Schmidt (NRW) zusammen. Dort vernetzten sie sich, bildeten sich gegenseitig weiter und trieben die politische Selbstorganisation entlang der eigenen Interessen voran.

 

 
Das Motto

Auf der jährlich stattfindenden Veranstaltung nehmen sich die jungen Sinti*zze und Rom*nja Raum für Empowerment und Teilhabe, die ihnen im Alltag in der deutschen Gesellschaft oftmals verwehrt bleiben. Auf diesen Zustand bezieht sich auch das diesjährige Motto. Denn obwohl Rom*nja und Sinti*zze ein Teil der deutschen Gesellschaft sind, wird ihnen durch mediale Berichterstattung, durch Alltagsrassismus und durch eine rigide Abschiebepolitik oftmals suggeriert, sie würden nicht zu Deutschland gehören. Diese Situation ist eine Kontinuität der jahrhundertelangen Verfolgungsgeschichte und des Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland.

In Reaktion darauf schafft die Bundesjugendkonferenz einen Ort der Sichtbarkeit, an dem die vielfältigen Lebensrealitäten junger Sinti*zze und Rom*nja den gesellschaftlichen Vorurteilen selbstbestimmt entgegengestellt werden.

Einen Ort der Sicherheit für die Jugendlichen zu schaffen, die von Abschiebung bedroht sind, das vermag die Bundesjugendkonferenz allerdings nicht. Im vergangenen Jahr wurden Gzim (16) und Ramis Berisha (13) in den Kosovo abgeschoben, wenige Tage nach ihrer Teilnahme an der Bundesjugendkonferenz in Niedersachsen, bei der Gzim auch im Orga-Team mitgewirkt hatte. Die beiden in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen müssen seitdem mit ihrer Familie im Kosovo leben, einem Land, das die beiden nie zuvor besucht hatten.
Dieses Jahr konnten drei angemeldete Jugendliche nicht an der Bundesjugendkonferenz teilnehmen, weil sie kurze Zeit vorher einen Abschiebebescheid erhielten.  Auch dieses Jahr war einer der betroffenen Jugendlichen ein Teil des Orga-Teams der Veranstaltung.

„Die Situation ist absurd“, sagt Merfin Demir. „Wir erhalten eine Förderung von der Bundesregierung, um junge Rom*nja und Sinti*zze zu empowern und sie zu Multiplikator*innen auszubilden und dann werden die im Projekt engagierten Jugendlichen von derselben Bundesregierung abgeschoben.“ Merfin Demir hat als ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Amaro Drom das Projekt „Dikhen Amen“, in dessen Rahmen die Bundesjugendkonferenz stattfindet, von Anfang an mitgestaltet.

 

Die Workshops

In sieben unterschiedlichen Workshops beschäftigten sich die teilnehmenden Jugendlichen über zwei Tage intensiv mit einem Thema. Sie erarbeiteten dazu eigene Präsentationen, die auf der Abschlussveranstaltung am 3. Oktober vorgestellt wurden.

Die Teilnehmerinnen des Workshops „Ich bin anders, du bist anders, wir sind alle gleich!“, der sich anhand von Liedtexten und Bildern mit der Geschichte und dem Empowerment von Romnja beschäftigten, präsentierten gemeinsam mit den Teamerinnen Fatima Hartmann und Isabelle Michollek ein Sinti- und mehrere Roma-Lieder. Der Gesang machte Gänsehaut und war ein bewegender Auftakt in die Abschlusspräsentationen. Neben den Liedern präsentierten die Teilnehmerinnen eindrucksvolle Zeichnungen als Ergebnisse ihrer Arbeit.

Die jugendlichen Teilnehmer*innen des Theater-Tanz-Workshops erarbeiteten gemeinsam mit der Schauspielerin und pädagogischen Leitung von „Dikhen amen!“ Melanie Weiß und dem professionellen Tänzer Safet Mistele eine Performance, die sich anhand von Körperbildern, Bewegung und Theaterelementen mit dem Motto der Veranstaltung auseinandersetzte. In einem kunstvollen Zusammenspiel von Musik, Tanz, Theater und Text machten die Performer*innen die Erfahrung von Ausgrenzung und von Zusammenhalt und Gemeinschaft auf mehreren Ebenen fühlbar.

Auch der Empowerment-Workshop „Fremd im eigenen Land?“ setzte sich kreativ mit dem Motto der Bundesjugendkonferenz auseinander. Die Teamer*innen Slaviša Marković und Hajdi Barz, die beide im Methoden-Team des Projektes „Dikhen Amen“ mitarbeiten, erprobten auf der Bundesjugendkonferenz die neu entwickelten Methoden. Bei der Abschlusspräsentation „Deutschland sucht den Roma Star“ wählte das Publikum aus drei berühmten Persönlichkeiten der Community Safet Mistele zum Roma Star. Zunächst aber hatte die Jury das Wort und das Publikum einiges zu lachen.

Die Teilnehmenden des Medien-Workshop von Silas Kropf und Perjan Wirges lernten sich sicher vor einer Kamera zu bewegen und bei Gesprächen mit Journalist*innen selbstbewusst ihre Inhalte zu vertreten. Nebenbei führten sie Interviews mit anderen Teilnehmenden auf Romanes. Teamer Slaviša Marković hob im Gespräch mit den beiden Interviewern das vielseitige Workshopangebot der Bundesjugendkonferenz als Besonderheit hervor. Das Innovative daran sei, dass es allen Beteiligten ermöglicht werde eine spannende Aktivität für sich zu finden. Auf die Frage nach seiner Sicht auf das Motto der Veranstaltung fügte er hinzu: „Mandje si majvažno (maj importante) na te rodas te dikhas amen kaj siam strancura negoli te sićinas sar te avas goda so sam taj te avas aferi saorenca akhate taj ande phuv(ja) kaj sam.“ („Mir ist es am Wichtigsten, dass wir uns auf der Suche nach uns selbst nicht als Fremde sehen, sondern unabhängig davon wer wir sind und wo wir leben gleichberechtigt lernen wir selbst zu sein.“)

Zwei thematische Premieren gab es außerdem bei den Workshops der diesjährigen Bundesjugendkonferenz: Männlichkeit und Sexualität. Beide Themen wurden von den Jugendlichen begeistert aufgenommen.

Der Dozent und angehende Mediziner Denisz Petrovity und die angehende Krankenpflegerin Sevdije Demir informierten und diskutierten mit den Jugendlichen das Thema Sexualität und Verhütung aus medizinischer Perspektive. Neben der Vermittlung von Wissen über Körper und über reproduktive Gesundheit, ging es auch darum Barrieren bei den Jugendlichen abzubauen und das Thema ansprechbar zu machen. Bei der Abschlusspräsentation erwies sich dieses Vorhaben als erfolgreich, die jungen Teilnehmer*innen trugen ihr Wissen selbstbewusst und detailliert dem Publikum vor.

Die Teilnehmer des Männlichkeits-Workshops setzten sich mit Geschlechterrollen auseinander und damit wie sie mit den gesellschaftlichen Erwartungen an junge Männer umgehen können. In der Abschlusspräsentation stellten sie sexistischen Klischees und Beziehungsvorstellungen ihre eigenen Fragen und Erkenntnisse entgegen. „Nicht nur die Frau ist dazu da sich um das Kind und den Haushalt zu kümmern“, erklärte ein Teilnehmer und ein Anderer ergänzte: „Wenn man die Haushaltsarbeit teilt, dann macht auf der Beziehungsebene sehr viel aus. Man entwickelt miteinander ein besseres Gefühl.“ Zum Thema Sexualität stellte er klar: „Die sexuelle Freiheit trifft für beide Geschlechter zu, auch wenn in der Gesellschaft häufig gedacht wird, dass die Sexualität nur auf den Mann beschränkt ist. Es geht sowohl um die Bedürfnisse der Frau als auch um die Bedürfnisse des Mannes und darum, dass die beiden sich einigen.“

Zum Abschluss der Veranstaltung berichteten die Teilnehmerinnen des Workshops zum Thema Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze von ihrer Auseinandersetzung mit Diskriminierung und stellten klar: „Wir sind Roma, keine Zigeuner. Merkt euch das!“ Anschließend präsentierten sie ihre eigene Version von Sidos Video „Geuner“, in dem sie den rassistischen Bildern des Musikvideos die Bilder ihrer Lebenswirklichkeit als junge Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland entgegenstellten. Das Video könnt ihr euch HIER anschauen.

 
Die Highlights des Abendprogramms

Am zweiten Veranstaltungsabend fand ein World Café mit anschließender Podiumsdiskussion statt. Fünf Persönlichkeiten aus der Community erzählten aus ihrem Leben: Gianni Jovanovic - Inhaber eines Zahnkosmetik-Studios und Aktivist aus Köln, Angelina Ficociello - junge Mutter und Aktivistin aus Hannover, Sibel Mercan - BWL-Studentin und Aktivistin aus Koblenz, Gabriela Bot - Sozialberaterin aus Saarbrücken und Vorstandvorsitzende von Amaro Drom und Riccardo M. Sahiti - Dirigent und Gründer der Roma und Sinti Philharmoniker aus Frankfurt am Main beantworteten die Fragen der Jugendlichen.

Nach der Podiumsdiskussion, die von zwei jugendlichen Teilnehmer*innen moderiert wurde, bedankte sich Ismeta Stojkovic, die Co-Vorsitzende von Terno Drom, bei allen Referent*innen, die sie als tolle Vorbilder für die Jugendlichen bezeichnete. Als Überraschung und Höhepunkt des Abends verlas sie die Einladung des Präsidialamtes an Riccardo M. Sahiti, dem am 4.10.2016 der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde.

Auf der Open Stage am letzten Abend der Bundesjugendkonferenz präsentierten die Jugendlichen ihre Fähigkeiten. Ein Teilnehmer verarbeitete Alltagsrassismen über Roma und Sinti in einer Stand Up-Comedy-Performance. Andere Jugendliche präsentierten ihre HipHop-Dance-Skills, ihr Gesangstalent oder ihren Fähigkeiten als Entertainer*innen. Zum Abschluss des Abends spielten Jugendliche aus Freiburg, Berlin und Köln ein gemeinsames Konzert.

Am Abend der Podiumsdiskussion fasste Sibel Mercan, ihren Eindruck von der Veranstaltung folgendermaßen zusammen: „Ich war noch nie auf einer Veranstaltung wo nur unsere Leute sind und das ist echt eine schöne Erfahrung für mich. Ich freu mich sehr, dass ich hier sein kann.“ Der Applaus im Publikum zeigte, dass sie diese Wahrnehmung mit vielen anderen Teilnehmer*innen teilte. Nino Novakovic, der gemeinsam mit Gianni Jovanovic den Männlichkeits-Workshop leitete, sagte nach der Präsentation seiner Gruppe etwas sehr Ähnliches: „Wenn ich unter unseren Menschen bin, dann fühle ich mich empowert“, einen anderen Teilnehmer seines Workshops zitierend beschrieb er sein Gefühl: „Ich wachse, ich fliege gerade.“

Viele der Teilnehmer*innen sagten auf die Frage danach, wie ihnen die Bundesjugendkonferenz gefallen habe, dass sie glücklich darüber seien so viele tolle neue Leute kennengelernt zu haben und so viel Neues zu interessanten Themen erfahren zu haben.

 
Pressearbeit

Neben den Workshops und dem Abendprogramm gab es auch dieses Jahr wieder die Gelegenheit für Vertreter*innen der Presse auf der Bundesjugendkonferenz mit Vereinsmitgliedern und jugendlichen Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Ein Journalist des Neuen Deutschland und ein Filmteam des Bundesministeriums haben die Konferenz zwei Tage lang begleitet und Interviews mit Jugendlichen und Organisator*innen geführt. Am 30.9. gab Nino Novakovic ein Interview im Deutschlandradio. Die Interviews und Artikel sowie Bilder und Videos der Veranstaltung finden sich auf der Presseseite der Amaro Drom-Website und auf der Facebook-Seite von Dikhen Amen.

 

Hier gibt's den Bericht als PDF zum Download

 
Förderung

Die Bundesjugendkonferenz 2016 wurde im Rahmen des Projektes „Dikhen amen! Seht uns!“ und in enger Zusammenarbeit mit Terno Drom e.V. und den weiteren Untergliederungen von Amaro Drom e.V. organisiert. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms “Demokratie leben!”. Es ist eines von insgesamt neun Modellprojekten zum Themenschwerpunkt Rassismus gegen Roma und Sinti. Die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” (EVZ), die Rosa Luxemburg Stiftung, die Heidehof Stiftung, die Stiftung Collegium Novum und die Antonio Amadeu Stiftung übernehmen für das Jahr 2016 die Kofinanzierung.

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