Bundesjugendkonferenz 2017


Die diesjährige Bundesjugendkonferenz fand vom 30. September bis 3. Oktober 2017 in Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg) statt. Die Bundesjugendkonferenz ist das größte bundesweite Zusammenkommen junger Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland. Sie wurde dieses Jahr von Amaro Drom e.V. und dem Roma Büro Freiburg e.V. organisiert. Das Motto der Bundesjugendkonferenz 2017 lautete:
 

Heimat ist nicht gestern –  Heimat ist morgen  – Heimat ist was wir draus machen!

Die diesjährige Veranstaltung widmete sich aus unterschiedlichen Blickweisen dem Thema Heimat. Rom*nja und Sinti*zze sind seit Jahrhunderten Teil der deutschen Gesellschaft und trotzdem finden wir uns bis heute in einer rassistischen Realität wieder. Die Erfahrungen und Stärken, die wir auf diesem Weg sammeln, wollen wir mit all jenen teilen, die auch unterwegs sind. Sei es, weil sie zugewandert sind oder weil sich diese Gesellschaft so rasant verändert. Welche Mechanismen lassen uns nach über 600 Jahren immer noch nicht hier ankommen? Dieser und anderen Fragen stellten wir uns auf der diesjährigen Bundesjugendkonferenz in einem vielfältigen Tages- und Abendprogramm. Unsere Antwort lautet: Heimat liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Sie liegt in unseren Händen. Zur Ankündigung der diesjährigen Bundesjugendkonferenz hat ein Freiburger Jugendlicher eine Hymne aufgenommen.
 

Die Workshops

In unterschiedlichen Workshops und Gesprächsrunden beschäftigten sich die teilnehmenden Jugendlichen intensiv mit verschiedenen Themenschwerpunkten, die sich dem Thema „Heimat“ und den damit verbundenen Fragen nach Identität, gesellschaftlicher Teilhabe und der Geschichte der europäischen Rom*nja annäherten. Im Workshop „Zukunftsperspektiven von Romnja und Sintizze“ beschäftigten sich die Teilnehmerinnen anhand von Biografiearbeit mit dem Empowerment von Romnja und Sintizze. Die langjährige Bürgerrechtlerin Ilona Lagrene und die junge Freiburger Aktivistin und Schulsprecherin Dijana Celić erzählten aus ihrem Leben und von ihrer politischen Arbeit und diskutierten mit den Teilnehmerinnen wie die Stärkung junger Romnja und Sintizze praktisch aussehen kann, wovon sie abhängt und welche Rolle Bildung dabei spielt. Am Abend des 1. Oktober luden Ilona Lagrene und die Teilnehmerinnen des Workshops interessierte feministische Akteur*innen aus Freiburg und Umgebung dazu ein, im gemeinsamen Gespräch die Perspektiven von Romnja und Sintizze kennenzulernen. Die Gesprächsrunde diente dem Austausch über die Umsetzung gemeinsamer politischer Ziele und eröffnete eine spannende Diskussion.

Die jugendlichen Teilnehmer*innen des Workshops in der Ausstellung zur Geschichte des Völkermords erarbeiteten eine kombinierte Ausstellung aus Ausstellungsteilen des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma. Mit den Teamenden Tomas Wald und Marie Dengel stellten sie sich die Frage nach der Darstellbarkeit des Völkermords und der Verfolgung der europäischen Rom*nja und Sinti*zze und setzten die Beschäftigung mit den ausgestellten Geschichten in Bezug zu ihren Familiengeschichten. Die daraus entstehende erweiterte Ausstellung blieb während der Konferenz für Teilnehmerinnen und Öffentlichkeit geöffnet.

Am Nachmittag des 1. Oktober begaben sich die Teilnehmenden des Ausstellungs-Workshops und interessierte Besucher*innen mit Fahrrädern auf eine Stadtrundfahrt in die Freiburger Geschichte. Die Teilnehmer*innen fuhren an 10 Orte in Freiburg, die für die Verfolgung und Ermordung von Rom*nja und Sinti*zze während des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle spielten. Der Ausflug vermittelte eindrucksvoll die Verflechtungen von Freiburger Stadtgesellschaft und den Verbrechen der Nationalsozialisten und deren heutige Präsenz im Freiburger Stadtbild. Ein Zwischenfall an der ersten Station der Stadtrundfahrt verdeutlichte die Kontinuität und Aktualität dieser Verflechtungen. Die Besitzerin des Hauses, in dem einst der NS-Verbrecher Joseph Mengele lebte, kam auf die Gruppe zu und bezeichnete die Aussagen Tomas Walds zur Geschichte des Hauses als Lügen. Sie drohte damit die Polizei zu rufen und fotografierte die Teilnehmer*innen gegen ihren Willen. Nachdem sie auf die Kamera einer Teilnehmerin eingeschlagen hatte, beschimpfte sie die Gruppe mit den Worten „Wenn ich Sie sehe, dann weiß ich gleich Bescheid, was Sie sind.“

Der Musikworkshop setzte sich kreativ mit dem Motto der Bundesjugendkonferenz auseinander. Die Teamer Mirsad Kecić und Flurim Elmazi, erarbeiteten mit den Jugendlichen eigene Interpretationen bekannter Musikstücke der Rom*nja-Community wie „Djelem Djelem“ und „Herdelezi“. Die erarbeiteten Musikstücke wurden am Abend des 2. Oktober auf dem Stadtfest präsentiert.

Die angehende Krankenpflegerin Sevdije Demir und der angehende Mediziner Denisz Petrovity leiteten den Workshop zum Thema Krebs und gesunde Lebensweise. Dabei ging es um die Vermittlung von Wissen über den Einfluss von Ernährung und Lebensweise auf die körperliche Gesundheit und die Entstehung von Krankheiten. Neben dem Wissen über medizinische Zusammenhänge diente der Workshop dem Austausch über die Fragen der Teilnehmer*innen zum Thema. Parallel zum Workshop-Programm wurde auch dieses Jahr eine Kinderbetreuung organisiert, um jungen Eltern die Teilnahme am Workshop-Programm zu ermöglichen.

Für den Vormittag des 2. Oktober war ein Ausflug auf den Berg „Schauinsland“ und ein parallel stattfindendes Fußballturnier der Teilnehmenden geplant. Diese Programmpunkte mussten aufgrund des regnerischen Wetters leider ausfallen. Stattdessen beschäftigten sich die Jugendlichen anhand von Fotografien mit dem Zusammenhang von Identität und Selbst- und Fremddarstellungen. Gemeinsam mit dem Fotografen Nihad Pušija entstanden dabei spontan eine Reihe von Portraitfotos und ein Gruppenfoto einiger Teilnehmender.
 

Die Highlights des Abendprogramms

Der erste Abend der Bundesjugendkonferenz diente dem gegenseitigen Kennenlernen und Wiedersehen der Teilnehmer*innen sowie der Vorstellung des Programms. Das erste Highlight bildete dabei die begehbare Geschichtswerkstatt zu Biografien von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland, die von Nino Novaković geleitet und mit 4 jugendlichen Teilnehmer*innen umgesetzt wurde. Die Jugendlichen bereiteten Poster über ihre Lebensgeschichten und Zukunftspläne vor und wurden von den anderen Teilnehmenden zu ihren Biografien befragt. Die begehbare Geschichtswerkstatt vermittelte den Jugendlichen einen Eindruck von der Vielfalt an Lebensrealitäten junger Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland und inspirierte den Austausch darüber. Zum Abschluss des Abends wurde gegrillt und Live-Musik gespielt.

Dieses Jahr fanden im Rahmen der Bundesjugendkonferenz erstmals auch viele öffentliche Programmpunkte statt, zu denen im Vorfeld gezielt und umfassend eingeladen wurde. Da die Veranstaltung mitten in Freiburg stattfand, stellte der Austausch mit Angehörigen der Freiburger Mehrheitsbevölkerung und migrantischer Communities einen Schwerpunkt dar.

Neben der oben erwähnten Gesprächsrunde im Anschluss an den Workshop "Zukunfts-perspektiven von Romnja und Sintizze" mit Ilona Lagrene und den Workshop-Teilnehmer-innen gab es am Abend des 1. Oktober noch zwei weitere öffentliche Veranstaltungen.

Zu Beginn des Abendprogramms feierte der Film "Was für eine Schule wollen wir?" Premiere im Bürgerhaus Zähringen. Der Film entstand im diesjährigen Sommercamp des Roma Büros und geht der Frage nach, wie es um die Situation in den Schulen aus Sicht der Kinder und Jugendlichen bestellt ist. Zur Premiere und der anschließenden Diskussionsrunde erschienen viele Lehrer*innen und Schulleiter*innen aus Freiburg. Gemeinsam mit den Teilnehmenden der Bundesjugendkonferenz diskutierten sie, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte und welche konkreten Schritte notwendig sind, um allen Schüler*innen gerecht zu werden. Moderiert wurde das Gespräch von Tomas Wald, langjähriger Aktivist des Roma Büros, und der Freiburger Schülerin und Schulsprecherin Dijana Celić.

Den Abschluss und Höhepunkt des zweiten Abends bildete die Theaterperformance „Aus dem Poesiealbum“. Nach einer offiziellen Begrüßung moderierte Silas Kropf, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Amaro Drom, den Abend. Die Schauspielerin Joschla Weiß und die Schauspielerin und Regisseurin Sandra Selimović präsentierten zunächst einen Ausschnitt aus dem Arbeitsprozess des Theaterprojektes „Become Refugee“. Das Projekt beschäftigt sich mit den Erfahrungen junger Rom*nja aus Deutschland, die durch die deutsche Abschiebepolitik zu Geflüchteten gemacht und aus ihrer Heimat abgeschoben wurden. Ein Thema, das viele bei Amaro Drom engagierte Jugendliche und Teilnehmer*innen der Konferenz betrifft. Anschließend präsentierten sie die Performance „Hast du schonmal gelitten“, die sich mit satirischen Mitteln mit stereotypen Darstellungen von Rom*nja in den Medien und mit Rassismus im Kulturbetrieb auseinandersetzt. Zum Abschluss des Abends performte Sandra Selimović einen Rap-Song auf Romanes.

Am Montag den 2. Oktober fand mit dem interkulturellen Stadtfest die Abschluss-veranstaltung der diesjährigen Bundesjugendkonferenz statt. Neben den Teilnehmer*innen der Bundesjugendkonferenz und den Mitgliedern der Freiburger Community der Rom*nja und Sinti*zze kamen viele Freund*innen des Roma Büros und weitere interessierte Freiburger*innen um gemeinsam zu feiern. Das Bühnenprogramm begann mit den Auftritten einer westafrikanischen Musikperformancegruppe und einer syrischen Tanzgruppe. Nach einem Konzert von Liedern aus dem Warschauer Ghetto und dem Konzentrationslager Auschwitz und dem Auftritt einer Gruppe syrischer Musiker spielten die Teilnehmenden des Musikworkshops die von ihnen erarbeiteten Interpretationen bekannter Lieder der Rom*nja-Community.
 

Pressearbeit

Neben den Workshops und dem Abendprogramm gab es auch dieses Jahr wieder die Gelegenheit für Vertreter*innen der Presse vor und während der Bundesjugendkonferenz mit Vereinsmitgliedern und jugendlichen Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Die Presseeinladung wurde mit großem Interesse beantwortet. Im Vorfeld der Bundesjugendkonferenz erschienen mehrere Artikel in regionalen und einer bundesweiten Zeitung.

Das „Neue Deutschland“ interviewte den Aktivisten und Teilnehmer Nino Novaković für die Wochenendausgabe des 30. September. Das Radio Dreyeckland führte vor und während der Konferenz mehrere Interviews mit Organisator*innen und Teilnehmenden der Veranstaltung. In der „Badischen Zeitung“, der Wochenzeitung „Der Sonntag“, dem Südkurier und dem Online-Magazin „fudder“ erschienen vorab Ankündigungen, Interviews und Portraits von Vereinsmitgliedern. Am Sonntag den 1. Oktober besuchte ein Fernsehteam vom SWR die Veranstaltung. Sie interviewten Tomas Wald und die Teilnehmerin Serce Berna Öznarcicegi für die Abendnachrichten. Zudem gab es einen Bericht in der „Badischen Zeitung“ im Anschluss an die Konferenz.
 

Zeitungsartikel zur Bundesjugendkonferenz 2017

Anja Bochtler: "Was für eine Schule wollen wir?", in: Freiburger Zeitung (4. Oktober 2017): online

Dominik Bloedner: Interview Dijana Celic - "Mensch ist Mensch", in: Badische Zeitung (30. September 2017): online

Florian Brand: Interview mit Nino Novakovic - "Die NS-Zeit zu verharmlosen, ist ein Verbrechen", in: Neues Deutschland (30. September 2017): online

Gina Kutkat: Interview mit Tomas Wald "Warum viele junge Roma und Sinti ihre Identität verstecken", in: Badische Zeitung/ fudder - Neuigkeiten aus Freiburg (28. September 2017): online

Toni Nachbar: "Sie wollen gesehen werden", in: Der Sonntag – Wochenzeitung Südbaden (24. September 2017)
 

TV/Radio-Berichte zur Bundesjugendkonferenz 2017

Radio Dreyeckland: Interview mit Serce Berna Öznarcicegi (Teil 1 und Teil 2) anläßlich der Bundesjugendkonferenz (2. Oktober 2017): online

SWR-aktuell: Umgang mit Vorurteilen und Rassismus - Interview mit Serce Berna Öznarcicegi und Tomas Wald anläßlich der Bundesjugendkonferenz (1. Oktober 2017): online

Radio Dreyeckland: Interview mit Dijana Celic und Tomas Wald anläßlich der Bundesjugendkonferenz (29. September 2017): online

Radio Dreyeckland: Interview mit Silas Kropf anläßlich der Bundesjugendkonferenz (29. September 2017): online
 

Downloads zur Bundesjugendkonferenz 2017

Presseeinladung zur Bundesjugendkonferenz vom 20.9.2017

Ethische Richtlinien für die Berichterstattung zur Bundesjugendkonferenz

Öffentliches Programm der Bundesjugendkonferenz

Download Programm für jugendliche Teilnehmende 

Pressefotos Die Pressefotos für die Berichterstattung zur Bundesjugendkonferenz sind nur zur Ansicht verfügbar. Für eine Berechtigung zum Download und zur Veröffentlichung oder Weiterverwendung der Bilder wenden Sie sich bitte per Email oder telefonisch an Anita Burchardt (0157-89 266 416).


Förderung: Die Bundesjugendkonferenz 2017 wurde im Rahmen des Projektes „Dikhen amen! Seht uns!“ und in enger Zusammenarbeit mit dem Roma Büro Freiburg e.V. und den weiteren Untergliederungen von Amaro Drom e.V. organisiert. 2017 wurde die Veranstaltung zudem mit freundlicher Unterstützung der Stadt Freiburg realisiert. Das Projekt “Dikhen amen! Seht uns!” wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms “Demokratie leben!”. Es ist eines von insgesamt elf Modellprojekten zum Themenschwerpunkt Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze. Der Fonds Soziokultur, die Heidehof Stiftung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Amadeu Antonio Stiftung, das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen und die Berliner Landeszentrale für politische Bildung übernehmen für das Jahr 2017 die Kofinanzierung.

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